Sonntag, 7. April 2019

Kanarienvogel (Serinus canarius) aus Brehms Tierleben

Der wilde Kanarienvogel, welcher auch in seiner Heimat von Spaniern und Portugiesen »Canario« genannt wird (Serinus canarius, Fringilla und Crithagra canaria), ist merklich kleiner und gewöhnlich auch etwas schlanker, als derjenige, welcher in Europa gezähmt unterhalten wird. Seine Länge beträgt zwölf bis dreizehn Centimeter, die Fittiglänge zweiundsiebzig, die Schwanzlänge sechzig Millimeter. Beim alten Männchen ist der Rücken gelbgrün mit schwärzlichen Schaftstrichen und sehr breiten, hell aschgrauen Federrändern, welche beinahe zur vorherrschenden Färbung werden, der Bürzel gelbgrün, das Oberschwanzdeckgefieder aber grün, aschgrau gerandet; Kopf und Nacken sind gelbgrün mit schmalen grauen Rändern, die Stirne und ein breiter Augenstreifen, welcher nach dem Nacken zu kreisförmig verläuft, grünlich goldgelb, ebenso Kehle und Oberbrust, die Halsseiten dagegen aschgrau. Die Brustfärbung wird nach hinten hin heller, gilblicher; der Bauch und die Untersteißfedern sind weißlich, die Schultern schön zeisiggrün, mattschwarz und blaßgrünlich gebändert, die schwärzlichen Schwungfedern schmal grünlich, die schwarzgrauen Schwanzfedern weißlich gesäumt. Der Augenring ist dunkelbraun; Schnabel und Füße sind bräunlich fleischfarben. Bei dem Weibchen sind die Obertheile braungrau, mit breiten schwarzen Schaftstrichen, die Federn des Nackens und Oberkopfes ebenso gefärbt, am Grunde aber hellgrün, die Stirnfedern grün, die Zügel grau, die Wangen theils grüngelb, theils aschblaugrau, die Schulter- und kleinen Oberflügelfedern licht gelbgrün, die großen Flügeldecken wie die Schwingen dunkelfarbig, grünlich gesäumt, Brust und Kehle grünlich goldgelb, ihrer weißgrauen Federränder halber aber weniger schön als bei dem alten Männchen, Unterbrust und Bauch weiß, die Körperseiten bräunlich mit dunkleren Schaftstrichen. Das Nestkleid ist bräunlich, an der Brust ins Ockergelbe spielend, mit sehr wenig und schwachem Citrongelb an Wangen und Kehle.


Die Nahrung besteht größtentheils, wenn nicht ausschließlich, aus Pflanzenstoffen, feinem Gesäme, zartem Grün und saftigen Früchten, namentlich Feigen. »Wasser ist für den Kanarienvogel gebieterisches Bedürfnis. Er fliegt oft, meist gesellig, zur Tränke und liebt das Baden, bei welchem er sich sehr naß macht, im wilden Zustande ebenso sehr als im zahmen.

Paarung und Nestbau erfolgen im März, meist erst in der zweiten Hälfte desselben. Nie baute der Vogel in den uns zu Gesicht gekommenen Fällen niedriger als zwei Meter über dem Boden, oft in sehr viel bedeutender Höhe. Für junge, noch schlanke Bäumchen scheint er besondere Vorliebe zu hegen und unter diesen wieder die immergrünen oder sehr früh sich belaubenden vorzüglich gern zu wählen. Der Birn- und der Granatbaum werden ihrer vielfachen und doch lichten Verästelung halber sehr häufig, der Orangenbaum seiner immer dunkeln Krone wegen schon seltener, der Feigenbaum, wie man versichert, niemals zur Brutstätte ausersehen. Das Nest wird sehr versteckt angebracht; doch ist es, namentlich in Gärten, vermöge des vielen Hin- und Herfliegens der Alten und ihres nicht großen Nistgebietes unschwer zu entdecken. Wir fanden das [336] erste uns zu Gesicht gekommene in den letzten Tagen des März 1856 inmitten eines verwilderten Gartens der Villa Orotava, auf einem etwa vier Meter hohen Buchsbaume, welcher sich über einer Myrtenhecke erhob. Es stand, nur mit dem Boden auf den Aesten ruhend, in der Gabel einiger Zweige und war unten breit, oben sehr eng mit äußerst zierlicher Rundung, nett und regelmäßig gebaut, durchweg aus schneeweißer Pflanzenwolle zusammengesetzt und nur mit wenigen dürren Hälmchen durchwebt. Das erste Ei wurde am dreißigsten März, dann täglich eines hinzu gelegt, bis die Zahl von fünfen beisammen war, welches die regelmäßige Zahl des Geleges zu sein scheint, obwohl wir in anderen Fällen nur drei bis vier Eier, nie aber mehr als fünf, in einem Neste gefunden haben.

Die Eier sind blaß meergrün und mit röthlichbraunen Flecken besäet, selten beinahe oder ganz einfarbig. Sie gleichen denen des zahmen Vogels vollkommen. Ebenso hat die Brutzeit durch die Zähmung keine Veränderung erlitten; sie dauert beim wilden Kanarienvogel ebenfalls ungefähr dreizehn Tage. Die Jungen bleiben im Neste, bis sie vollständig befiedert sind, und werden noch eine Zeitlang nach dem Ausfliegen von beiden Eltern, namentlich aber vom Vater, aufs sorgsamste aus dem Kropfe gefüttert. Die Anzahl der Bruten, welche in einem Sommer gemacht werden, beträgt in der Regel vier, mitunter auch nur drei.«

Sämmtliche Nester, welche Bolle beobachtete, waren auf gleich saubere Weise aus Pflanzenwolle zusammengesetzt; in einzelnen fand sich kaum ein Grashalm oder Rinenstückchen zwischen der glänzenden Pflanzenwolle. »Das Männchen sitzt, während das Weibchen brütet, in dessen Nähe, am liebsten hoch auf noch unbelaubten Bäumen, im ersten Frühlinge gern auf Akazien, Platanen oder echten Kastanien, Baumarten, deren Blattknospen erst spät sich öffnen, oder auch auf dürren Zweigspitzen, wie sie die Wipfel der in Gärten und in der Nähe der Wohnungen so allgemein verbreiteten Orangen nicht selten aufzuweisen haben. Von solchen Standpunkten aus läßt es am liebsten und längsten seinen Gesang hören.

Es ist viel über den Werth des Gesanges geredet worden. Von einigen überschätzt und allzuhoch gepriesen, ist er von anderen einer sehr strengen Beurtheilung unterzogen worden. Man entfernt sich nicht von der Wahrheit, wenn man die Meinung ausspricht, die wilden Kanarienvögel sängen wie in Europa die zahmen. Der Schlag dieser letzteren ist durchaus kein Kunsterzeugnis, sondern im großen ganzen geblieben, was er ursprünglich war. Einzelne Theile des Gesanges hat die Erziehung umgestalten und zu glänzenderer Entwickelung bringen, andere der Naturzustand in größerer Frische und Reinheit bewahren mögen: das Gepräge beider Gesänge aber ist noch jetzt vollkommen übereinstimmend und beweist, daß, mag ein Volk auch seine Sprache verlieren können, eine Vogelart dieselbe durch alle Wandlungen äußerer Verhältnisse unversehrt hindurchträgt. So weit das unbefangene Urtheil. Das befangene wird bestochen durch die tausend Reize der Landschaft, durch den Zauber des Ungewöhnlichen. Was wir vernehmen, ist schön; aber es wird schöner noch und klangreicher dadurch, daß es nicht im staubigen Zimmer, sondern unter Gottes freiem Himmel erschallt, da, wo Rosen und Jasmin um die Cypresse ranken und die im Raume verschwimmenden Klangwellen das Harte von sich abstreifen, welches an dem meist in zu großer Nähe vernommenen Gesange des zahmen Vogels tadelnswerth erscheint. Und doch begnügt man sich nicht, mit dem Ohre zu hören; unvermerkt vernimmt man auch durch die Einbildungskraft, und so entstehen Urtheile, welche später bei anderen Enttäuschungen hervorrufen. So wenig wie alle Hänflinge und Nachtigallen oder alle zahmen Kanarienvögel gleich gute Schläger sind, darf man dies von den wilden fordern. Auch unter ihnen gibt es stärkere und schwächere; das aber ist unsere entschiedene Ansicht, die Nachtigallentöne oder sogenannten Rollen, jene zur Seele dringenden tiefen Brusttöne, haben wir nie schöner vortragen hören als von wilden Kanarienvögeln und einigen zahmen der Inseln, die bei jenen in der Lehre gewesen. Nie werden wir in dieser Hinsicht die Leistungen eines wundervoll hochgelben Männchens von Gran Canaria, welches wir als Geschenk eines Freundes eine Zeitlang besaßen, zu vergessen im Stande sein. Am meisten möge man sich hüten, den Naturgesang des Kanarienvogels nach dem oft stümperhaften sehr jung gefangener, welche im Käfige ohne guten Vorschläger aufwuchsen, zu beurtheilen.

Der Flug des Kanarienvogels gleicht dem des Hänflings. Er ist etwas wellenförmig und geht meist in mäßiger Höhe von Baum zu Baum, wobei, wenn der Vogel schwarmweise fliegt, die Glieder der Gesellschaft sich nicht dicht aneinander drängen, sondern jeder sich in einer kleinen Entfernung von seinem Nachbar hält und dabei einen abgebrochenen, oft wiederholten Lockruf hören läßt. Die Scharen, in welche sie sich außer der Paarungszeit zusammenthun, sind zahlreich, lösen sich aber den größten Theil des Jahres hindurch in kleinere Flüge auf, welche an geeigneten Orten ihrer Nahrung nachgehen und sehr häufig längere Zeit auf der Erde verweilen, vor Sonnenuntergang aber gern wieder sich zusammenschlagen und eine gemeinschaftliche Nachtherberge suchen.

Der Fang dieser Thierchen ist sehr leicht; zumal die Jungen gehen fast in jede Falle, sobald nur ein Lockvogel ihrer Art daneben steht: ein Beweis mehr für die große Geselligkeit der Art. Ich habe sie in Canaria sogar einzeln in Schlagnetzen, deren Locker nur Hänflinge und Stieglitze waren, sich fangen sehen. Gewöhnlich bedient man sich, um ihrer habhaft zu werden, auf den Kanaren eines Schlagbauers, welcher aus zwei seitlichen Abtheilungen besteht, den eigentlichen Fallen mit aufstellbarem Trittholze, getrennt durch den mitten inne befindlichen Käfig, in welchem der Lockvogel sitzt. Dieser Fang wird in baumreichen Gegenden, wo Wasser in der Nähe ist, betrieben und ist in den frühen Morgenstunden am ergiebigsten. Er ist, wie wir aus eigener Anschauung wissen, ungemein anziehend, da er dem im Gebüsche versteckten Vogelsteller Gelegenheit gibt, die Kanarienvögel in größter Nähe zu beobachten und sich ihrer anmuthigen Bewegungen und Sitten ungesehen zu erfreuen. Wir haben auf diese Weise binnen wenigen Stunden sechzehn bis zwanzig Stück, eines nach dem anderen, fangen sehen; die Mehrzahl davon waren indeß noch unvermauserte Junge. Besäße man, was nicht der Fall ist, auf den Inseln ordentlich eingerichtete Vogelherde, so würde der Ertrag natürlich noch ein weit lohnenderer sein.

Wir haben Kanarienwildlinge genug in der Gefangenschaft beobachtet und mitunter deren ein bis anderthalb Dutzend auf einmal besessen. Der Preis junger, bereits ausgeflogener Vögel pflegt in Santa Cruz, wenn man mehrere auf einmal nimmt, etwa fünfundzwanzig Pfennige für das Stück zu betragen. Frisch gefangene alte Männchen werden mit einer Mark bezahlt. In Canaria sind, trotz der daselbst herrschenden größeren Billigkeit, die Preise um vieles höher, was allein schon hinreichen würde, ihre größere Seltenheit dort darzuthun. Es sind unruhige Vögel, welche längere Zeit brauchen, ehe sie ihre angeborene Wildheit ablegen, und sich, besonders in engen Käfigen zu mehreren zusammengesperrt, das Gefieder leicht zerstoßen. Sie schnäbeln sich sehr gern unter einander, und die jungen Männchen geben sich binnen kurzem durch fortgesetztes lautes Zwitschern zu erkennen. Kaum gibt es einen weichlicheren Körnerfresser. Man verliert die meisten an Krämpfen, deren zweiter oder dritter Anfall mit dem Tode zu endigen pflegt. Die wilden Hähnchen gehen mit großer Leichtigkeit Verbindungen mit der gezähmten Art ein und werden äußerst treue, liebevolle Gatten, welche nicht aufhören, die Dame ihres Herzens aufs zärtlichste zu füttern, meist sogar die Nacht auf dem Neste derselben sitzend zuzubringen. Sie bieten jedem anderen Vogel, welcher ihnen zu nahe kommt, die Spitze; ja ein älteres Männchen, dem beim Kampfe mit einem Grünlinge von diesem doppelt stärkeren Gegner der Beinknochen durchbissen worden war, hörte in diesem beklagenswerthen Zustande nicht auf, durch schmetternden Gesang seinem Widersacher aufs neue den Handschuh vor die Füße zu schleudern und konnte nur durch rasche Entfernung aus dem Gesellschaftsbauer gerettet werden. Die Mischlinge beider Arten heißen in Teneriffa Verdegais und werden besonders hoch geschätzt. Wir haben von einer hochgelben Mutter gefallene gesehen, die sich durch große Schönheit und ganz ungewöhnliche Zeichnung empfahlen. Sie waren am Oberleibe dunkelgrün, unten von der Kehle an rein goldgelb gefärbt. Diese Vögel galten für etwas außerordentliches und seltenes. In den Hecken, die auf den Kanaren von zahmen und wilden angelegt werden, befolgt man den Grundsatz, einem Männchen letzterer Art seiner großen Thatkraft wegen stets zwei Weibchen zu gesellen.«

Eine Schilderung des zum Hausthiere gewordenen Kanarienvogels muß ich an dieser Stelle versagen, darf dies wohl auch unbedenklich thun, da in den letzten Jahren so viel über Kanarienvögel, Kanarienzucht und Kanarienhandel geschrieben worden ist, daß ich meine Leser mit dem zum Ueberdrusse abgehandelten Gegenstande nicht behelligen will.

Quelle:
Brehms Thierleben. Allgemeine Kunde des Thierreichs, Fünfter Band, Zweite Abtheilung: Vögel, Zweiter Band: Raubvögel, Sperlingsvögel und Girrvögel. Leipzig: Verlag des Bibliographischen Instituts, 1882., S. 336-339.